Nahaufnahme
Zum dritten Mal lese ich den Satz. Bekomme ihn nicht zu fassen. Er schwimmt vor meinen Augen weg. Taucht unter und immer wieder auf. Schnappt Luft. Wie ein Wal. Vielleicht sollte ich ihn ziehen lassen. Das wäre für uns beide leichter, für mich und den Wal-Satz. Aber es sind nur noch 30 Seiten, dann habe ich das Buch geschafft. Ich bäume mich auf, wische wild in meinen Augen herum, um sie zu wecken. 30 Seiten! Zack, da ist der Wal-Satz und mit einem Satz springe ich drauf.
Seit vier Stunden sitze ich mittlerweile hier. An diesem Ort, der unbequemer nicht sein könnte. Harte Sitzbänke auf viel zu engem Raum. Mit viel zu wenig Abstand zu den anderen Menschen. Menschen, von denen die meisten ernst, müde, verzweifelt, genervt aussehen. Jedes Geräusch hier ist wie mit Verstärker. Zu laut.
Es ist ein Ort, der einen willkommen heißt, weil er muss. Aber froh ist, wenn man wieder geht. Und selber will man ja auch nicht hier sein. Nur in allergrößter Not. Ich bin in der Notaufnahme.
Ich sitze hier und warte. Sitze zwischen denen mit dicken Knöcheln, großen Pflastern, verkrampften Mündern. Und ich lese, um ein bisschen Abstand zu diesem Unort zu gewinnen. Ich will mich weglesen, damit die Zeit schneller vergeht.
Dann stehen die beiden vor mir. Wenn ich meinen Arm ausstrecke, könnte ich sie anfassen. Aber auch so, berühren sie mich.
„Ich will nur nach Hause“, sagt er. Weint leise. Sie hält seine Hand. Ganz fest.
Ich will gar nicht lauschen, aber weghören geht auch nicht. Sie sind so nah.
„Mir tut es doch auch weh. Ich habe überlegt, ob wir das Grab einebnen. Ich wollte heute Blumen gießen. Ich hab’s vergessen. Einfach vergessen.“ Ihre Stimme ist brüchig und fest zugleich. Sie muss sein Fels in der Brandung sein. Dabei bröckelt sie selbst.
Er schüttelt den Kopf. „Ich will nach Hause. Will mich einfach nur betrinken.“
Ich schlucke.
Sie schaut ihn an, hält ihn weiter fest. „Lass uns bleiben. Dann wissen wir, was ist.“
Ich wünschte, sie würde mich auch festhalten. Denn auf einmal stülpt sich sein Schmerz über mich drüber. Ich versuche, still zu halten. Um nicht anzustoßen, an den Schmerzwänden um mich herum. Die sind wie elektrisch aufgeladen.
Erich kommt dazu: „Du wirst aufgerufen.“
Er schüttelt den Kopf.
Erich laut: „DU WIRST AUFGERUFEN!“ und geht zurück zur Anmeldung.
„Ich will nach Hause“, sagt er zu ihr, als Erich weg ist. Sie schweigt, schaut nur. Ganz fest.
Er schüttelt den Kopf. „Ich will eine rauchen.“ Gemeinsam gehen sie zu Erich, holen Zigaretten, gehen vor die Tür. Sie lässt ihn nicht los.
Ich habe die Drei gesehen, als ich vorhin vor der Tür war, Luft schnappen wie der Wal-Satz. Vorne weg: Erich. Mit Sporttasche. Zielstrebig. In etwas Abstand dahinter die beiden – Geschwister, denke ich. Und Erich ist ihr Mann. Sie sind nicht das erste Mal hier. Es wirkt zu routiniert. Wenn es nach Erich geht, ist es heute das letzte Mal. Er will nicht mehr. Nur, so einfach ist das nicht für sie. Sie sitzt mit drin in der Schmerzkuppel ihres Bruders.
Als sie wieder reinkommen, ist ihr Widerstand gebrochen. Sie gehen zu Erich. Sie lässt los.
Er nimmt die Sporttasche. Geht. Schüttelt den Kopf. Ist weg.
Sie kommt mit Erich hinterher. „Sveeen“, ruft sie. „Jetzt ist er abgehauen.“ Ihre Stimme klingt ein bisschen erleichtert.
Ich atme durch. Fühle mich schwer. Nicht mehr wegen der Müdigkeit. Etwas von seiner Traurigkeit hat Sven zurückgelassen. Und die sitzt jetzt auf meinem Schoß. Wie Blei.
Ich bin ganz krumm. Schaue wieder in mein Buch. 30 Seiten noch. Auf einmal ist alles zu viel.