Herr König
Herr König ist ein Reh. Große Augen, verschreckter Blick, huscht sofort in seine Wohnung, sobald jemand den Hausflur betritt. Kontaktscheu.
Fast schon freue ich mich, wenn ich ihn mal sehe. Meist morgens oder abends, wenn es dämmert. Er hat immer eine Aktentasche dabei. So eine aus Leder mit langem Trageriemen. Ein bisschen abgewetzt.
Herr König wohnt ganz unten im Haus. Kurze Wege zum Hin- und Herhuschen. Auch zu den Mülltonnen ist es nicht weit.
Einmal steckt sein Schlüssel außen im Schloss seiner Wohnungstür. Ich klingele. Die Tür öffnete sich einen kleinen Spalt. Seine großen Augen lugen hervor. Ich bin fast drin, in seinem Revier. „Hallo, ihr Schlüssel steckt hier“, sage ich freundlich. Herr König sieht noch erschrockener aus als sonst. „Danke“. Und schon ist die Tür wieder zu.
Seit acht Jahren wohne ich hier. Nie sehe ich Herrn König in Begleitung. Ich habe mich an sein Alleinesein gewöhnt. Er wohl auch.
An einem Tag im Sommer sitzt Herr König auf dem Parkplatz im Innenhof auf einem alten Klappstuhl in der Sonne. Ich sehe ihn vom Küchenfenster aus, meinem Hochstand. Wenn er da so sitzt, wirkt er ganz friedlich. Die großen Augen sind geschlossen. Die Beine von sich gestreckt. Mit ein bisschen Fantasie klingen die Autos auf den Straßen wie Meeresrauschen. Ab und so schreit eine Möve. Urlaub auf Asphalt. Solange er da sitzt, traue ich mich nicht, das Küchenfenster zu schließen. Ich will ihn nicht verscheuchen.
Irgendwann ist die Sonne weitergezogen. Herr König ist im Schatten verschwunden. Ich muss ganz leise sein, dann sehe ich ihn vielleicht in der nächsten Dämmerung.