
Haltzeit | Blog für Alltagsgeschichten
Manchmal geht’s ganz schön durcheinander. Dieses Leben. Ein Wirrwarr an „war“, „ist“ und „wird“. Die Zeit ist immer voraus. Außer bei der Uhrumstellung im Winter, da hinkt sie kurz hinterher. Ausnahmsweise. Ein kleiner Moment des Zurückspulens. Diese Seite spult auch zurück. Und hält fest. Kleine Alltagsaugenblicke. Weil die sonst so schnell verschwinden im typischen Tages-Ticktack-Takt. Keine Risken, dafür Nebenwirkungen und ganz ohne Ärzt:innen und Apotheken.
Der Herr der Dinge
Als ich ihn zum ersten Mal sah, sah ich nur einen Schatten am Rand meines Tunnelblicks. Voller Fokus mit semipermeablen Wänden. Durchlässig manchmal vor allem für die kleinen Momente. Umrandet von Gedanken an den bevorstehenden Tag, der für mich acht Stockwerke höher stattfindet. Grauer Teppich, höhenverstellbare Tische. Laptop an und acht Stunden lang wichtiges Tastengeklapper. Tapptapptapptapp.
Brotzeit
Goldketten, Sonnenbrillen, Uhren. Es blitzt, funkelt, blinkt. Wenn nicht an Hals, Nasenwurzel oder Handgelenk, dann in aufgerissenen Mündern, Schlünden, die so tief wie der Mariannengraben blicken lassen. Strahlend weiß eingezahnt blenden. Ob man will oder nicht. Ich will nicht. Aber das interessiert hier niemanden. Ich interessiere niemanden. Ich bin ein menschgewordener Blinddarm.
Zahnrad
Zurücklehnen zum Vorbeugen. Seltsam eigentlich. Und jetzt liege ich hier, hart wie ein Brett. Die Schultern verkrampft. Augen geschlossen, Mund offen. Zurückgelehnt, ja, aber nichts mit Entspannung. Überspannung. Ich bin ein Spannbettlaken. Da liegt man ja auch mit geschlossenen Augen und offenem Mund. Nur, dass da niemand den Speichel mit diesem röchelnden Speichelsauggerät, von dem ich früher immer dachte, es sei ein Schmerzabsorbator, absaugt. Das Ergebnis ist das gleiche: trockener Mund.
Und so sprach der Affenbrotbaum
Ich bin Gott. Ich erschaffe Leben. Mache die Gezeiten. Ich heile. Lasse wiederauferstehen. Ich bin Gott. Ich war nicht immer Gott. Oder doch, vermutlich war ich es. Nur musste ich mich selbst erst dazu berufen. Meine Allmacht wecken. Mein Erweckungserlebnis geschah einfach. Von jetzt auf gleich.
Nahaufnahme
Zum dritten Mal lese ich den Satz. Bekomme ihn nicht zu fassen. Er schwimmt vor meinen Augen weg. Taucht unter und immer wieder auf. Schnappt Luft. Wie ein Wal. Vielleicht sollte ihn ziehen lassen. Das wäre für uns beide leichter, für mich und den Wal-Satz. Aber es sind nur noch 30 Seiten, dann habe ich das Buch geschafft. Ich bäume mich auf, wische wild in meinen Augen herum, um sie zu wecken. 30 Seiten! Zack, da ist der Wal-Satz und mit einem Satz springe ich drauf.