Als ich ihn zum ersten Mal sah, sah ich nur einen Schatten am Rand meines Tunnelblicks. Voller Fokus mit semipermeabler Membran. Durchlässig manchmal. Vor allem für die kleinen Momente. Umrandet von Gedanken an den bevorstehenden Tag, der für mich acht Stockwerke höher stattfindet. Grauer Teppich, höhenverstellbare Tische. Laptop an. Acht Stunden lang wichtiges Tastengeklapper. Tapptapptapptapp.
Am nächsten Morgen schiebe ich zügig stapfend mein Fahrrad quer über den Platz, der sonst so menschenvoll ist. Mit Handyfoto-Fotografierenden, die nach den Würdigkeiten sehen. Und mit teuren Anzughosenbeinen, die Jackett-Torsos tragen, auf denen Köpfe mit wichtigem Wissen wohnen.
Jetzt sind da nur vereinzelte Einzelne. Multiple-Taschen-Hosen aus festem Stoff tragen Körper, die anpacken. Die nicht viel reden, sondern lieber machen. Pragmatisch, praktisch, gut.
Zwischendrin ich. Auf dem Weg zum Fahrradtunneltreppenschlund. Mein Helm schlenkert am Schlenker wie an einer Schaukel. Freut sich über die Bewegungsfreiheit. So unbeschwert von meinem schützenswerten Schopf. Kopflos, während meiner schon wieder voll dabei ist, sich mit Denken zu füllen. Denn so ganz ohne Helm kann wieder alles von Außen ungebremst reinströmen.
Am Absatz angekommen springt das Fahrradförderband an, um zu tun, was ein Fahrradförderband tun muss. Befördern. Nach unten. Downgrade. Hat wohl nicht geliefert, dieses Fahrrad. Noch so ein Ding und es ist direkt weg vom Fenster. Aber Fenster gibt es hier ja gar nicht, im Untergrundtunnel.
28 Treppenstufen später schiebt sich die Automatiktür stotternd auf. Eine in Glas gefasste Entschleunigungsmaschine. Und ich: der in Ungeduld gefasste Beschleunigungsmensch. Ich quetsche mich durch die ruckelnd auseinander gleitenden Türen. Elegant ist anders. Eher Elefant. Das haben die Tür und ich bei allen Geschwindigkeitsunterschieden dann doch gemein.
Mein Blick sucht die Ecken ab. Ich sehe wieder den Schatten. Aus ihm schält sich dieses Mal wie eine Apfelsine eine Gestalt. Darin: ein mürrischer Blick. Säuerlich. Wohl noch nicht ganz reif, die Apfelsinenmetapher. Doch von unausgesprochenen Obstanalogien ahnt er ohnehin nichts. Stattdessen: Konzentrierte Bodenwischbewegungen. Er ist der Herr der Dinge, hier unten, im pinken Tunnel.
„Guten Morgen“, rufe ich und laufe beiläufig an ihm vorbei zum Stellplatz für mein Fahrrad. Zwei Augen verlassen den feuchten Betonboden und heften sich kurz an mich. Der Mund weiter mürrisch. Kurzes Nicken. Ich verkneife mir ein Lächeln.
Das würde mir sowieso sofort wieder vergehen: Mein Stellplatz ist besetzt. Ausgerechnet. Fast alle anderen Plätze sind frei. Und ich bin gefangen in meiner Stellplatz-Routine. Muss neu justieren. Direkt den Platz daneben nehmen? Naheliegend. Aber nicht mit mir. Zehn Meter weiter. Erstmal Distanz aufbauen zum besetzten Land. Meiner Gewohnheit Raum geben, sich woanders festzuklammern wie eine zottige Klette. Eine Änderung in dem Prolog für mein Tagestheater. Danach alles wie immer. Kurzes Fahrstuhlintermezzo (schnell Türschließknopf drücken, bevor noch jemand einsteigt), Etagenhopping, PC-Aktivierungsgeräusche, Tastaturmalträtur.
Ab sofort jeden Tag ein „Guten Morgen“. Nur manchmal ist er nicht da. Versteckt irgendwo im Tunneltürenlabyrinth. Tut die unsichtbaren Dinge, die das Sichtbare am Laufen halten. Längst ist er Teil meiner Klettenwelt geworden. Seltsame Geborgenheitsgefühle.
„Nur im T-Shirt?“ – ein Laut aus einer Ecke. Ich stocke. Sehe, wie der mürrische Mund sich den inzwischen freundlicheren Augen allmählich anpasst. Vielleicht bin ich jetzt auch ein bisschen festgeklettet bei ihm. „Ach, beim Fahrradfahren wird mir warm“, sage ich – trotz Gänsehaut. Er staunt. Und mir wird ein bisschen wärmer.
Diese kurzen Gespräche passieren nun öfter. Wie weit mein Weg sei. „Drei Kilometer nur.“ Trotzdem Anerkennung. Und immer meine dünne Kleidung. Die Themen gehen ihm nicht aus. Unsere Klettenwelten sind verhakt. Ganz ohne Ziepen.
Dann, ein paar Wochen Wortwechselpause. Unsere Wege rumrunden sich, statt sich zu kreuzen. Dass er trotzdem da ist, sehe ich an trocknenden Wischwasserflecken. Spuren der Spurenbeseitigung. Ich frage mich, ob er mich auch sieht, wenn ich nicht da bin. Vielleicht dank stummer Fahrradzeugenschaft. Oder an den Flecken, die ich hinterlasse und denen er hinterherwischen muss.
Der Winter kommt. Und ich komme von der anderen Seite in den Tunnel. Trete sie fest, die neue Bahnsteig-Tretmühle. Zu kalt fürs Rad. Statt Trampeln, Trampen mit dem Zug. Und weil ich von unten komme, geht es nun Metaltreppe rauf. Klingklingkling.
Einmal sehe ich ihn im Dunkeln hinter den Stufen. Ich laufe über ihn drüber. Übergehe ihn. Die Treppe beschwingt, ich nicht. Er steht so dicht. Wischt und wischt. Und ich hoffe, dass möglichst wenig Schmutz von meinen dickprofiligen Winterschuhen bröselt. Ich schaue kaum hin, weil ich mich schäme. Blick im Tunnel.
Meine Kleidungsschichten werden immer dicker. Ich bin eingepackt wie eine neue Matratze. Alles unter Spannung. Wenn sich der Reißverschluss löst, ploppe ich auf. Wieder die Treppe hoch. Er steht oben. „Guten Morgen“, sage ich. Er strahlt mich an. „Mit so einem freundlichen Lächeln in den Tag“, sagt er.
Das bleibt bei mir haften. Wie ein Schatten.