Brotzeit

Goldketten, Sonnenbrillen, Uhren. Es blitzt, funkelt, blinkt. Wenn nicht an Hals, Nasenwurzel oder Handgelenk, dann in aufgerissenen Mündern, Schlünden, die so tief wie der Mariannengraben blicken lassen. Strahlend weiß eingezahnt blenden. Ob man will oder nicht.

Ich will nicht. Aber das interessiert hier niemanden. Ich interessiere niemanden. Ich bin ein menschgewordener Blinddarm. Ich bin da, aber keiner weiß, warum eigentlich. Entfernen? Nur, wenn’s sein muss. Und solange nicht wehtut, ist Ignorieren einfacher.

Warum ich hier bin? Weil‘s hier immer noch besser ist als da, wo all die Anderen sind. Wobei, sicher bin ich mir da langsam nicht mehr. Drei Brotkörbe habe ich inzwischen geleert, verschlungen, verschlunden mit meinem nicht ganz so gebleachten Zähneschlund. Wie eine Broteinverleibemaschine, eine Weizenwalze. Oder war das Dinkel? Ja, dann halt Dinkelschleifer. Krustenknacker. Was auch immer.

Mit vollem Mund bleibt mir lästiger Business Small Talk erspart. Da aber ohnehin niemand mit mir redet, entpuppt sich mein ausbrotendes Schweigemanöver vor allem als ziemlich krümelige Angelegenheit. Um mich herum: ein Meer aus Brotkrumen. Das Brote Meer. Und ich mittendrin, die seltsame Brotkrümelfrau. Captainin Brotbart.

Unter freiem Himmel hätte sich längst eine Schar Tauben angepirscht und die Schlacht auf das Bröselbuffet eröffnet. Restepicken.

Bei Brotkorb Nummer Vier rebelliert mein Magen. Überfüllt! Mein Hals komplett trockengelegt. Ich bin ein Brotkehlchen. Aber jetzt bloß nichts trinken. Akute Magenplatzgefahr. Oder gilt das nur für Enten? Egal, Füttern ist den Rest des Abends verboten. Luken dichtmachen. Code Bread. Sicher ist sicher.

Jetzt, wo die Brotoren gestoppt wurden, fühle ich mich ertappt. Die Brotsünderin. Willkommen im Brotlichtmilieu. Nur, Bezahlt hat mich niemand für das Verschlingen dieser Unmengen an Brot. Ich bezahle höchstens mit meiner Würde.

Alles umsonst hiwer. „Das heißt kostenlos“, hat mein Vater früher immer gesagt. Okay, dann eben kostenlos. Man soll sich schließlich wichtig fühlen. Und wichtig ist nur, wer zwar Geld hat, aber es nicht nötig hat, es auszugeben. Ist das gemeint, wenn man sagt, das Geld solle für einen arbeiten? Da muss man es wohl in Ruhe lassen. „Bitte nicht stören.“

Naja, Geschenke sind immer gut. Nur geizig möchte niemand wirken. Hier schon mal gar nicht. Daher der teure Schmuck. Nicht, weil man es will. Weil man muss. Geld ist geil. Noch geiler ist es, wenn man auf der VIP-Liste steht (Plus 1, 2, 3, oder 4), VIP-Zugang hat (geschlossene Geldsellschaft), ein VIP-Bändchen (Oneway Ticket to Geil), sich nur mit VIP-Menschen (Connecten und Kollekten!) umgibt. Schulterklopfen, Händeschütteln, Selfies – ALLES inklusive! All you can meet.

Meine Trockenhalsproblematik erreicht die nächste Eskalationsstufe: Es kratzt dermaßen, dass sich erste Röchel-Hust-Attacken ihren Weg von der verwüsteten Speiseröhre in den Mundraum bahnen. Mit aufgerissenen Augen und aufeinandergepressten Lippen versuche ich, das kommende Geräuschungetüm zu bändigen. Magenplatzalpträume hin oder her, ich brauche Wasser. Also verlasse ich meine Brotenburg. Ab zur Bar.

Eingezwängt in wichtige Rücken und spitze Ellenbogen versuche ich, an den Tresen zu gelangen. Als sich eine Lücke auftut, mache ich einen Merksatz nach vorne, um mich bemerkbar zu machen neben all den bemerkenswerten Menschen mit ihren merkwürdigen Getränken.

Als der Barkeeper mir einen Blick zu- und ihn direkt wieder wegwerfen will, ergreife ich meine Chance und bestelle mit bebrotkrümelten Mundwinkeln ein Wasser. Mit Sprudel. Ganz harte Geschütze fahre ich jetzt auf für meine Brotfallversorgung.

Ich trete den Rückzug zu meinen Krümeln an. Die knistern so schön unter meinen Schuhsohlen. Ein kleines Bröselfeuerwerk nur für mich. Knick knack ratsch. Bisschen wie Luftpolsterfolieploppen.

Wenn ich mich auf das Knuspern konzentriere, kann ich all die wichtigen VIP-Gespräche, die sich nie um mich, aber immer von mir weg drehen, übertönen. Ich lasse mich ganz fallen in den Krümel-Tanz. It’s Crumping Time.

Irgendwann ist auch der letzte Krumenrest zertreten. Ende des Soundcracks. Ein Ende des Abends ist noch lange nicht in Sicht. Aber ich sehe was anderes: neue Körbe. Zeit für Brot.

Nach oben scrollen