Ich bin Gott. Ich erschaffe Leben. Mache die Gezeiten. Ich heile. Lasse wiederauferstehen. Ich bin Gott.
Ich war nicht immer Gott. Oder doch, vermutlich war ich es. Nur musste ich mich selbst erst dazu berufen. Meine Allmacht wecken.
Mein Erweckungserlebnis geschah einfach. Von jetzt auf gleich. Ohne Ankündigung. Es war ein Blick. Durch das Fenster. Auf den Fortsatz meiner Fassade. Auf meinen Balkon. Vernachlässigt hing er da rum. Verkümmert, ein Rudiment. Das Steißbein meiner Wohnung. Vorhanden, aber nutzlos – oder besser: ungenutzt. Überall karge Dürre. Vertrocknete Erde, pflanzliche Überreste. Ein Trauerflora. Das hässliche Entlein.
Und als Zeit und Langeweile und wieder Zeit und neue Langeweile lange genug an mir genagt hatten, rief ich eine Mission aus: Schwanifizierung!
Verkleidet mit Latzhose und Gummihandschuhen stapfte ich los. Mein Ziel: der Baumarkt. Säckeweise sackte ich Erde und Dünger ein. Ich fühlte mich sackral. Mit qietschendem und definitiv überladenem Einkaufskorb rollte ich zur Kasse und reihte mich ein, in die längste Menschenschlange der Welt.
Ich wurde zur fleischgewordenen Sackkarre. Und schleppte mit sich nach und nach offenbarenden göttlichen Kräften meine Säcke in die Wohnung. Die zeigten erste Risse. Nur ich nicht, nein, meine Entschlossenheit war ungebrochen.
Einen bröckeligen Rieselstreifen durch Flur und Stube ziehend verfrachtete ich meine Erde-Dünger-Anschaffungen mit einer triumphalen Geste in die Blumenkästen. Ich war stolz wie Bolle. Das war mein Werk! Ich habe Erde werden lassen. Ich war Gott. Und ich wurde hungrig nach mehr. Wollte auf meiner göttlichen Leiter die nächste Sprosse erklimmen. Die Königsklasse: Ich wollte Leben erschaffen.
Ab ging es in ein Blumenfachgeschäft. Dort steuerte ich den Aufsteller mit dem Produktportfolio meiner Begierde an. Etwaige Beratungsversuche der anwesenden Verkäuferin lehnte ich überheblich nickend ab. Schließlich war ich Herrin über Erde – und Dünger. Meine botanische Allmacht war unumstößlich.
Mein Blick schweifte über das gesamte Sämereiensortiment. Petersilie, Minze, Begonie, Primel. Nichts vermochte es, meine hydrophile Hybris zu besänftigen. Ich fühlte mich zu Größerem berufen. Und so landeten Aufzuchtkeime einer Kenia-Banane, eines chinesischen Bonsais, eines Affenbrotbaumes und einer blauen Seerose in meinem Korb. Der Seerose würde ich schon zeigen, dass Erde ihr wahres Element ist!
Kaum zurück auf meinem nunmehr beerdeten Balkon schmiss ich die Sämereien in die präparierten Blumenkästen. Mit jedem Saatkorn, das ich versenkte, wuchs ich über mich hinaus. In der Hoffnung, die alsbald keimen Pflanzensprösse würden es mir gleichtun.
Ich sah sie schon vor mir, die exotische Pflanzenoase, den verbotenen Garten mit Früchten, die nur mir zu kosten vergönnt sein würden. Mein Heiliger Gral!
Kurz verfing sich mein Blick am nachbarlichen Balkon. Mit all den glanzvollen Geranien und kolossalen Kräutern hatte der lange genug auf meine Einöde herabgeschaut. Ich würde dem zeigen, was es heißt, Herrin der Herrlichkeit zu sein. Mein Balkon würde mit seiner Pracht in den Olymp aufsteigen.
Jeden Tag goss ich meine Samen. Mein nie endendes Taufritual. Mit Argusaugen und Lineal verfolgte jede noch so kleine Sprieß-Entwicklung. Doch kaum hatte die Kenia-Banane ihr zartes Grün aus der Erde emporgehoben, wählte sie unerschrocken den Freitod. Ich hatte sie verloren. Ein herber Niederschlag, den zu verkraften, mich einige Tage in Anspruch nahm. Ich spürte das gehässige Grinsen von nebenan.
Schließlich richtete ich alle Zuwendung auf den Rest, dem es leidlich besser ging. Bonsai und Seerose waren nur noch ein Schein ihrer selbst. Trotz guter Zurufe, liebevoller Streicheleinheiten und üppiger Bewässerung waren auch sie nicht mehr zu retten. Jede Wiederbelebungsmaßnahme war zum Scheitern verurteilt.
Meine letzte Hoffnung: der Affenbrotbaum. Hier sollten meine unermüdlichen Bemühungen allmählich fruchten. Aus dem klitzekleinen Keim wurde ein stattlicher Stängel, der jedem Windhauch trotzig die rundblättrige Stirn bot. Neckisch reckte er der Welt sein grünes Haupt entgegen, bereit, sie zu erobern.
Der Affenbrotbaum wuchs und gedieh, als hinge unser aller Leben von ihm ab. Er würde der Welt hier, von diesem Balkon, meine Göttlichkeit offenbaren. Er war gekommen als mein Prophet. Und ich? Ich genoss meinen Erfolg – und vor allem die neidischen Blicke vom Balkon nebenan.
Im Laufe der Tage malte mir eine goldene Zukunft. Der Affenbrotbaum und ich. Ich würde mit ihm die Welt bereisen, den Menschen unsere Botschaft verkünden. Aber bis dahin war der Balkon unser Tempel und ich, ich war sein Gott.