Zahnrad

Zurücklehnen zum Vorbeugen. Seltsam eigentlich. Und jetzt liege ich hier, hart wie ein Brett. Die Schultern verkrampft. Augen geschlossen, Mund offen. Zurückgelehnt, ja. Aber nichts mit Entspannung. Überspannung. Ich bin ein Spannbettlaken. Da liegt man ja auch mit geschlossenen Augen und offenem Mund. Nur, dass niemand den Speichel mit diesem röchelnden Speichelsauggerät, von dem ich früher immer dachte, es sei ein Schmerzabsorbator, absaugt. Das Ergebnis ist das gleiche: trockener Mund.

Ich liege also da, jeden Moment bereit, in mich zusammenzufallen. Versuche, mir nichts anmerken zu lassen von meinem unbequemen Spannbettlakengefühl.

Über mir steht die Schwester, vorbeugt, um vorzubeugen. Nur gute Absichten hat sie, aber gut geht’s mir hier trotzdem nicht. Das ist Absicht, irgendwie. Zahnhygiene ist kein Zuckerschlecken. Überhaupt, der Zucker ist ja das Problem. Der und all das andere, was so haften bleibt. Trotz unermüdlichen Zähneputzens zwei Mal am Tag.  Ja, zwei Mal. Wer macht das wirklich nach jedem Essen?

Dass meine gute Absicht nicht ausreicht, lässt die Schwester mich immer spüren. Dann holt sie das Zahnmodell, das in der Ecke auf dem Sideboard steht – nein, das auf seinen großen Auftritt lauert. Wie die Wanze auf der Mauer. „Auf der Mauer, auf der Lauer sitzt ‘n kleines Zahnmodell. Seht euch nur das Modell an, wie das Modell Putzen kann“.  

Eingestaubt sieht es aus, aber nicht staubig. So ein Zahnmodell bleibt ja immer gleich. Der Zahn der Zeit hat nichts zu nagen. So ein Kunststoffzahn ist in Sachen Stabilität dem natürlichen Zahnschmelz haushoch unterlegen. Würde sich also nicht lohnen, das Nagen. Also frisst die Zeit weiter Calcium.

Das Zahnmodell bleibt beständig. Aber so karrieretechnisch mal richtig was reißen? Sich selbst zu Höherem berufen, an was die Zähne ausbeißen, den ersten Nobelpreis in der Zahnmedizingeschichte bekommen. Das wäre was. Ich schaue das Zahnmodell an. Sehe es schon vor mir. Mit Fliege um die beiden blitzblanken Schneidezähne. Dankesrede vor dem Nobelpreiskomitee mit frischem Atem und perfekter Gebissstruktur: „Mein besonderer Dank geht an die Frau, die mich dazu ermutigt hat, auszubrechen aus meinem Sidebord-Dasein. Verstehen Sie, ‚bored‘. Kleiner Scherz am Rande.“

„Ich zeige es Ihnen“, sagt die Schwester und macht vor, wie es richtig geht mit dem Zähneputzen. „45-Grad-Winkel.“ Soso. „Von unten nach oben.“ Mhm. „Und schön langsam.“ Jap.

Ich höre halbherzig zu. Frage mich kurz, wo mein Geodreieck liegt und wie ich am besten den 45-Grad-Winkel ausmesse, habe aber nur Augen für das Nobelpreis-Zahnmodell. Doch das landet schon wieder in der Ecke. Ist eben nur Statist. Macht Dentist-Dienst nach Vorschrift.

Die Schwester ist jetzt voll in ihrem Element. Immerhin hat sie ja auch einen Bildungsauftrag: Zahnpasta, Zahngelee, Zahnseide, Zahnzwischenraumbürsten, Spezialzahnbürsten für die Weisheitszähne. Und ich habe dieses Gefühl, so gar nicht weise zu sein.

Während sie sich hochschaukelt, fährt sie den Stuhl runter. So weit, dass ich fast hinten überkippe. Wie weit denn noch, denke ich. Die Lehne senkt sich. Weiter. Immer weiter. Ich versuche, in meinen steifen Körper reinzuspüren. Aber da kommt nichts.

Ich bin mir sicher: Ich werde runterplumpsen. Wie der Plumpsack. Die Ereignisse werden sich überschlagen. Und ich auch. Gehirnerschütterung – mindestens. Wenn nicht sogar eine ordentliche Platzwunde auf der Stirn. Naja, immerhin befinde ich mich in einer Praxis. Nur mit Komposit- oder Keramikfüllungen wird man meine Platzwunde schlecht versorgen können. Aber Zahnseide könnte nützlich sein. Zum Vernähen. Ob die hier auch Seide mit aufquellenden Fasern haben?

Der Stuhl stoppt. Mein Platzwundenzahnseidegedankenrad auch. Ich falle nicht. Na gut. Dann halt ein anderes Mal.

„Mund bitte weiter öffnen“, sagt die Prophylaxe-Schwester irgendwo aus dem Off. Ich guck ja nicht hin. Sehen würde ich nur einen Mundschutz und diese komische Lupenstirnlampe, die bis in den letzten Winkel meines Mundes lupen-leuchtet. Meinen dunkelsten Geheimbissen auf der Spur.

Ich öffne meinen Mund ein kleines Stück weiter. Viel geht da nicht mehr. Ihr scheint’s zu reichen. Jetzt kommt das Ultraschallgerät. Mein Endgegner. Mein Meister Shredder. Und ich bin anstelle einer mutierten Ninja-Kriegerin eine 32-Zähne-Schildkröte, die nichts weiter tun kann, als sich in ihr Schicksal zu ergeben.

Mehrfach kommt das Gerät meinen Zahnhälsen gefährlich nah. Die präsentieren sich nur allzu gerne. Ich zucke und ziehe meinen Hals ein. Schildkröte eben. „Geht’s noch?“, fragt die Schwester. Ich mache irgendein Geräusch, das nach Zustimmung klingen soll. Sie macht weiter. Arbeitet sich Zahn für Zahn voran. Wie ein Zahnrad.

„Jetzt noch das Handgerät.“ Meister Shredder zieht sich zurück. Ich atme durch und drehe meinen Kopf wieder etwas bereitwilliger in Richtung der Schwester. Die freut sich über meine neu entfachte Kopf-Kooperation. Das Polieren wird zur Kür.

Nach knapp einer Stunde ist es geschafft. Blick in den Spiegel. „Ja, toll“, sage ich und bin einfach nur froh, dass es vorbei ist.

Ich schaue noch mal rüber zum Zahnmodell. Das tut so, als wäre nichts gewesen. Bis zum nächsten Mal.

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